Schneewittchen sucht in der Fernsehsendung „Herzblatt“ nach ihrem Traumprinzen, und die böse Stiefmutter, die sich nach den meisten Klicks sehnt, landet in einer Selbsthilfegruppe für Märchenbösewichter. Mit ihrer Aufführung von Christof Stückelbergers Märchenparodie „Schneewittchens Karriere“ begeisterte unsere Unterstufentheatergruppe, hervorgegangen aus dem Theatermodul im vergangenen Schuljahr, bei zwei Aufführungen in der Studiobühne der Schule ihr Publikum.
Die große Spielfreude war den Darstellerinnen und Darstellern der 5., 6. und 7. Jahrgangsstufe bei ihrer tollen Darbietung des an Überraschungen reichen und hintersinnigen Stückes von der ersten Minute an anzumerken. Durch die Handlung führt als Erzähler Manu Grimm (Christian Werr), entfernter Nachfahre von Wilhelm Grimm. Geblendet von Schneewittchens (Tessa Haußner) Schönheit, verliebt sich dieser in die Figur seiner eigenen Erzählung und tritt ihr deshalb gegenüber, um sie zu umwerben. Als Mann kommt für diese zu seinem Bedauern freilich erst einmal nur ein Prinz in Frage. Gefahr droht Schneewittchen jedoch durch die böse Stiefmutter (Anna Ritter), der es trotz massiver Einschüchterungsversuche nicht gelingt, ihren sehr lebendigen Spiegel (zum Sprechen und Grimassenschneiden gebracht von Dante Syre und Alina Jungkunz) dazu zu bewegen, sie zur Schönsten im ganzen Land zu erklären. Doch anders, als man es aus dem Märchen kennt, landet Schneewittchen nicht bei den sieben Zwergen, sondern in einer Mädchen-WG. Von den Bewohnerinnen Claire (Mia Wich) und Meral (Johanna Beez), die sich dem Publikum gegenseitig in einem fetzigen Rap vorstellen, erfährt man, dass sie beide auf die große Karriere hoffen.
Vieles ist in diesem Märchenstück anders als erwartet und sorgt für große Erheiterung. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Märchenwelt verschwimmen zusehends, immer wieder schlüpfen Darsteller aus ihrer Rolle, so zum Beispiel die bekannten Bösewichte aus den verschiedensten Märchen, die sich plötzlich in einer herrlichen Persiflage auf eine Selbsthilfegruppe wiederfinden. Rumpelstilzchen (Mia Scherbel / Sophia Martin), die böse Hexe (Antonia S.), der Wolf (Emily Martin / Maja Schäfer) leiden an ihrer Rolle und ihrer Existenz. Geleitet wird die skurrile Selbsthilfegruppe von Aida. Sophia Wagner nimmt hier pseudopsychologische Bemühungen gehörig aufs Korn. Satirisch vorgeführt wird auch der moderne Medienbetrieb. Dies wird spätestens klar, als das eskalierende Therapiegespräch von den Beteiligten mit ihren Handys gefilmt wird, um die Videos ins Netz stellen zu können. In der sich anschließenden Herzblatt-Sendung bemühen sich als Kandidaten für Schneewittchen nun Gestalten aus anderen Märchen darum, ihre Gunst zu erhalten: Prinz Charming (Mia Scherbel), ehemals als der Froschkönig bekannt, begleitet von seinem Diener Joystick (Nina Schmidtheisler), der gestiefelte Kater (Emily Martin / Helena Löffler) und Aladin (Vincent Weissbach), der sich anhören muss, gar nicht aus Grimms Märchen zu stammen. Glaubhafte Fernsehatmosphäre vermittelt hier die Studio-Crew, verkörpert von Jemma Drayton, Sophia Martin, Sina Rebhan, Helena Mehringer, Paula Gehring und Nina Schmidtheisler.
Im Fernsehstudio wird Schneewittchen von der eigentlichen Märchenhandlung wieder eingeholt: Von ihrer Stiefmutter, die sich im Stil der Verzeih-mir-Sendung angeblich wieder mit der Prinzessin vertragen will, wird diese schließlich doch noch mit dem bekannten Apfel vergiftet, um dann vom Tod (Antonia S.) in philosophische Gespräche verwickelt zu werden.
Nach einem Zeitsprung sehen die Zuschauer Claire aus der WG wieder: In der Talkshow von Sophia (Sophia Wagner) kann sie inzwischen stolz von ihrer Karriere als Musikerin berichten. Und man erfährt, dass Schneewittchen überraschenderweise nun nicht mehr in der Märchenwelt lebt, inzwischen Bianca heißt und mit Manu Grimm zusammen ist. Aus ihrem Leben wurde ein Film, zu dem Claire den Soundtrack geschrieben hat. Diesen bringt Johanna Becher alsgleich gekonnt zu Gehör. Und der Film wird auch gleich für seine Lehre gelobt: Nimm dein Leben in die eigenen Hände, triff die richtigen Entscheidungen und bleibe dran!
In jeder Szene weiß das sehr ausdrucksstark und mit Esprit spielende Ensemble die Zuschauer mitreißend zu unterhalten. Große Kreativität zeigen auch die gelungenen Kostüme und das Bühnenbild, das nach Entwürfen der Klasse 6b unter der Anleitung von Kunstlehrerin Linda Wagner, die im 1. Halbjahr als Studienreferendarin an unserem KZG tätig war, gestaltet wurde. Zum Gelingen trugen auch die Techniker (Ole Kunzelmann, Mika Klatte, Felix Höpfinger, Cedric Sticker) bei, die für eine effektvolle Beleuchtung und den richtigen Sound sorgten.
Die bemerkenswerten Leistungen aller Beteiligten wurden vom Publikum mit anhaltendem, lautstarkem und begeistertem Applaus gewürdigt. Die verantwortlichen Lehrkräfte, Katja Jungkunz und Michael Bähr, hatten in ihrer Ankündigung einen witzigen und feinsinnigen Theaterabend versprochen, eine ebenso unterhaltsame wie nachdenkliche Auseinandersetzung mit den Fragen, die junge Menschen heute bewegen – und die Erwartungen wurden wahrlich übererfüllt.
Fabian Erbacher
