Nach Herzenslust lachen, dabei aber niveauvolles Theaterspiel erleben – Das konnte man am Wochenende in der Studiobühne des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums. In drei Aufführungen gab dort die Schul-Theatergruppe Molières Klassiker „Der eingebildete Kranke“ zum Besten.
„Ach, ach, ich Armer. Niemand kümmert sich um mich. Man lässt mich ständig alleine, wo ich doch so leide!“ – Argan ist todkrank; zumindest bildet er sich das mal wieder ein. Der Hypochonder lässt eine Behandlung nach der anderen über sich ergehen; sehr zur Freude seiner Ärzte und seines Apothekers, die ihm für nicht existierende Krankheiten und Behandlungen teure Rezepte und horrende Rechnungen ausstellen. Gesund-Sein kostet eben! In seiner Naivität ist er nicht nur von der Glaubwürdigkeit der Mediziner überzeugt, sondern auch von seiner zweiten Frau, Béline, welche jedoch lediglich auf sein frühes Ableben und damit auf sein Erbe hofft. Zwecks kostengünstiger Sicherung seiner hausärztlichen Grundversorgung kommt Argan auf eine Idee: Tochter Angélique soll den frischgebackenen, „leicht“ einfältigen Arzt Thomas – Sohn seines Hausarztes, Dr. Gier – heiraten. Einziges Problem: Sie liebt eigentlich Cléant, der allerdings kein Arzt ist und deshalb für Argan nicht in Frage kommt.
Obwohl Molières letzte Komödie „Der eingebildete Kranke“ 350 Jahre alt ist, ist seine Kritik am übertriebenen Vertrauen in Ärzte und an der Leichtgläubigkeit von Menschen immer noch aktuell. Die mit Wortwitz und Pointen nur so gespickte, bissige Komödie des französischen Dramatikers „lebt“ insbesondere von den höchst unterschiedlichen, skurrilen und teilweise lächerlichen Charakteren. In der – am Wochenende in der Studiobühne des KZG präsentierten – humorvollen Adaption des Klassikers überzeugten die Darstellerinnen und Darsteller, deren Spielfreude sicher nicht eingebildet war. Da ist zunächst natürlich der Hauptprotagonist. Einfach köstlich, wie Benjamin Lehnhardt in der Rolle des Hypochonders aufging, dessen „Krankheiten“ sein Leben und Denken bestimmen und ihn sogar dazu bringen, seiner bezaubernden Tochter Angélique (Leandra Bär) eine Heirat mit dem Jung-Mediziner Thomas (wunderbar tölpelhaft: Julian Herzog) vorzuschreiben. Das Publikum amüsiert sich bestens, wenn Argan über Rechnungen und seinen Ausscheidungen brütend nach seinem Dienstmädchen, die gute Seele mit spitzer Zunge, schreit. Hanna Bittermann ist eine herrlich gewitzte Toinette, die sich mit Argan nur so die Textbälle zuwerfen kann. Genervt von den eingebildeten Leiden ihres Dienstherrn sorgen ihre frechen schlagfertigen Beiträge für viele Lacher. Auf humorvolle Weise schafft es das Hausmädchen mit dem Herz auf dem rechten Fleck schließlich auch, gemeinsam mit Argans taffer Schwester Bérénice (Eva Eismann), ihn von der wahren Absicht seiner Ärzte und Ehefrau zu überzeugen.
Auch alle weiteren Figuren – von der affektierten, nur auf ihren Vorteil bedachten Gattin Béline (Stella Hopfgarten) mit einer ausgeprägten Vorliebe fürs Shopping bis zu den habgierigen Ärzten Dr. Gier (Konrad Schwiete) und Dr. Schlund (Fabiana Schneider) sowie Apotheker Raffl (ebenfalls Konrad Schwiete) wurden augenzwinkernd in Szene gesetzt. Komplettiert wurde das durch die Bank große Freude bereitende Ensemble von Argans jüngerer Tochter Louison (Mylène Kerriel), dem Auserwählten ihrer älteren Schwester, dem liebenswerten und bodenständigen Cléant (Ben Müller), sowie dem Notar (Stella Brandl).
Die Darsteller und der Regisseur Rainer Gräbner sorgten dafür, dass die temporeiche Inszenierung voller rasanter Wortwechsel herrlich frisch rüberkam. Mit viel Feingefühl für komödiantisches Timing und knackige Pointen boten sie den an allen drei Vorführungen erfreulich vielen Zuschauer beste Unterhaltung, die nie in Klamauk abdriftete, und kitzelten den Witz des Meisterwerks über Gesundheitswahn und Heuchlerei hervor. Heraus kam eine kluge Hommage an die klassische Charakterkomödie und ihres grandiosen französischen Begründers.
Der Simulant ist tot – oder vielleicht doch nicht! – In das Dunkel aus eingebildeten und echten Befindlichkeiten bringen Argans Schwester und die Bedienstete durch eine List das nötige Licht, um den Kränkelnden so weit die Augen zu öffnen, dass er Gut und Böse und ob jemand zutuend oder berechnend handelt, unterscheiden lernt. Sie überreden ihn, sich totzustellen, um herauszufinden, ob Frau und Töchter um ihn trauern würden oder nur wegen des Geldes bei ihm bleiben. Das Ergebnis kann man sich vorstellen …
Fazit der zurecht mit Standing Ovation gefeierten humorvoll-kurzweiligen Aufführung: Tolle Regieleistung, pralles Theater mit Herz, Witz und Tiefe, eine gute Prise Lokalkolorit und ein glänzend aufgelegtes Ensemble garantierten beste Unterhaltung und Spaß. Wir wünschen uns mehr davon!
Lange Schauspiel-Tradition
Für die Inszenierung fanden sich schon im letzten Schuljahr Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Klassen der Mittel- und Oberstufe zusammen. Ihnen galt Rainer Gräbners Dank ebenso wie allen Helfern und Unterstützern, von der Technik bis hin zur Verpflegung. Für das Bühnenbild zeichnete Silke Weber verantwortlich. Mit dem Projekt fand die lange Tradition des Schultheaters am KZG ihre Fortsetzung, an dem auch Rainer Gräbner maßgeblichen Anteil hat. Seine letzte eigene Inszenierung liegt jedoch bereits einige Jahre zurück, nachdem sein letztes, bereits in den Startlöchern stehende Projekt der Pandemie zum Opfer fiel. Nach der Pandemie brachte Julia Sand verschiedene Theaterstücke in der Studiobühne zur Aufführung. Wie Rainer Gräbner in seiner Begrüßung ausführte, gäbe es die jetzigen Rosenberg Festspiele in ihrer Form als Freilicht-Veranstaltung oben auf der Festung nicht ohne das KZG und das Schultheater; seien doch die über einen Zeitraum von 20 Jahren präsentierten Faust Festspiele aus dem Schultheater des KZG entstanden.
Heike Schülein

