Der letzte Vorhang

anzeige.JPGZum Tode des Theatermachers und langjährigen Schulspielleiters Ulf Mattiesen

Sein Team im Schultheater sprach immer vom „Meister“, wenn von ihm die Rede war. Zugegeben, die Verwendung dieses Begriffs erfolgte nicht ohne eine gewisse liebevolle, leicht ironisch eingefärbte Note, wusste man doch um seine besonderen Charakterzüge und kleinen exzentrischen Lebensansichten, die ihn zu einem so außergewöhnlichen und überaus geschätzten Menschen machten. Andererseits schwang aber vor allem viel Respekt mit, Respekt vor seinem beeindruckenden Können und seinen herausragenden Leistungen. Denn ein Meister in seinem Metier war er tatsächlich, und es gab vor und nach ihm kaum Persönlichkeiten, die sich als Regisseure und Theaterlehrer kontinuierlich vergleichbare Verdienste um das Schulspiel in Oberfranken erwarben wie er.
Als der 1942 in Posen geborene Ulf Mattiesen nach seiner Schulzeit in München, seinem Studium der Fächer Deutsch, Geschichte und Sozialkunde ebendort und in Tübingen, seiner Referendarzeit in Bamberg und einer ersten Anstellung am Privatgymnasium Rohr im September 1975 seinen Dienst am Kaspar-Zeuß-Gymnasium antrat, ahnte noch kaum jemand, dass in wenigen Jahren eine in der Tat goldene Ära des Schultheaters in Kronach beginnen würde.

Ulf Mattiesen, vorne links, bei einer Probe zu "Andorra" von Max Frisch 1984 in der Aula


Nach der „Gründerzeit“ des Schulspiels in den 50er- und 60er-Jahren unter der Ägide von Dr. Michael Ott war es insbesondere der beharrlichen Aufbauarbeit in den unteren Jahrgangsstufen unter der kundigen Leitung von Hans Pfreundner, Wassilly Linke, Hans-Jürgen Schmitt und eben Ulf Mattiesen zu verdanken, dass mit Ende der 70er das Theater am Kaspar-Zeuß-Gymnasium sich in einer solchen Breite, Tiefe und Vielfalt entwickeln konnte, dass es im Grunde zu einer nicht wegzudenkenden Größe im kulturellen Leben der ganzen Region heranreifte und so auch wahrgenommen wurde. Als Initialzündung darf dabei die 100-Jahr-Feier unserer Schule 1979 betrachtet werden, als Ulf Mattiesen mit einer Bühnenfassung von Erwin Wickerts Hörspiel „Der Klassenaufsatz“, aufgeführt in der Aula, wahrlich Furore machte und auch die Werkbühne gegründet wurde, damals noch in der Oberen Stadt am Melchior-Otto-Platz. Und dann ging es Schlag auf Schlag: Georg Kaisers „Gas“ 1980 und Walter Hasenclevers „Antigone“ 1981 im Rahmen der Kronacher Expressionismus-Tage markierten mit fulminanten Darbietungen den Beginn der „Goldenen Achtziger“. In ihnen wartete jedes Schuljahr mit mehreren Inszenierungen auf, ganze Spielpläne mussten erstellt werden, um der sprudelnden Kreativität und Spielfreude auch organisatorisch Herr zu werden. Der frühe Goethe als Dramatiker wurde neu entdeckt und die Aufführungen in der Aula am Ende des Schuljahres wurden zu spektakulären Events, an denen sich ein Großteil der Schulfamilie mit viel Einsatz beteiligte. Unterstützt wurde Ulf Mattiesen schon in den ersten Jahren von Hans-Jürgen Schmitt. Der bot ihm zunächst logistisch Flankenhilfe, entwickelte sich aber mit der Zeit sehr schnell zum vernunftgeleiteten Berater des „Meisters“ und - last but not least – zum eigenständigen Schulspielmacher, der Mattiesens visionärem „Gesamtkunstwerk-Theater“ komplementär eine nicht weniger reizvolle literarisch-intellektuellere Variante mit eigenen beeindruckenden Inszenierungen zur Seite stellte.

Der Rest ist Geschichte: Zahlreiche Aufführungen an Bayerischen Schultheatertagen, die fulminanten Musiktheater-Projekte unter der Leitung von Horst Pfadenhauer und Dr. Franz Lederer, aber auch die mittlerweile über 20-jährige Erfolgsbilanz der „Faust-Festspiele“, all dies ist nicht denkbar ohne die grandiose Lebensleistung von Ulf Mattiesen.

Am Ende dann doch etwas Persönliches: Als einige Klassenkameradinnen mich 1981 dazu überredeten, in Hasenclevers „Antigone“ einen „Jüngling aus dem Volk“ zu mimen, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass diese Übernahme einer so kleinen Rolle mein Leben grundlegend verändern würde. Ulf setze von Anfang an sehr großes Vertrauen in mich, übertrug mir im Folgejahr den Part des „Doktors“ in Georg Büchners „Woyzeck“, förderte mich jahrelang beharrlich, nachhaltig-kritisch und steckte in mir so die Flamme der Leidenschaft fürs Theater an, die mittlerweile seit über dreieinhalb Jahrzehnten brennt, mein Dasein bereichert und stets wieder mit neuer Energie auflädt. Ich werde meinem „Meister“ und auch meinen anderen Theatermentoren immer zutiefst dankbar sein.
Gelebt hat er schon seit 1992 in Unterfranken, hatte er sich doch aus privaten Gründen ans Balthasar-Neumann-Gymnasium in Marktheidenfeld versetzen lassen. Nun fiel auch für ihn endgültig der letzte Vorhang. Am 19. Oktober 2017 ist Ulf Mattiesen für seine Familie und seine Freunde völlig überraschend in Bonn verstorben.

 Ulf Mattiesen bei einer Lesung Mitte der Achtziger Jahre

Gräbner, StD

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